Der Juni war für mich geprägt
von großartigen Entwicklungen und Erfolgen – und sehr viel Regen.
Die English Corners laufen immer noch sehr gut, besonders
die Senior English Corner macht mir sehr viel Spaß und die Schüler sind mir
inzwischen wirklich ans Herz gewachsen. Besonders eindrucksvoll finde ich zu
beobachten, wie die Schüler zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen.
Das Englischniveau der Schüler ist sehr unterschiedlich, da Zehntklässler und
Elftklässler kommen, und was ich besonders mutig finde, auch Schüler, die kaum
Englisch sprechen und trotzdem mitmachen wollen. Wenn jemand etwas nicht
versteht, übersetzen diejenigen, die es verstanden haben, sodass alle mitmachen
können.

Die Schüler genießen die Zeit in der English Corner
sehr – so sehr, dass sie am Ende der Stunde nie aufhören wollen. Daher hat es
sich inzwischen etabliert, dass wir nach der regulären Stunde noch eine halbe
Stunde lang Spiele spielen mit allen, die noch Zeit und Lust haben.

Während der ersten dieser
Spielestunden äußerten einige Schüler den Wunsch, Deutsch zu lernen. Ich ging
sofort darauf ein und organisierte kurzerhand eine Deutsch Corner für den
folgenden Tag. Zu meiner Überraschung kamen sogar elf motivierte Schüler und
die Stunde lief erstaunlich gut! Nach einer kurzen Präsentation über
Deutschland und die Sprache, begann ich mit einigen einfachen Wörtern und
Sätzen. Am Ende der Stunde konnten sich die meisten Schüler mit wirklich guter
Aussprache gegenseitig nach dem Wohlbefinden und dem Namen fragen. Seit dem
hatte ich noch drei weitere Deutschstunden und ich bin jedesmal wieder
begeistert davon, wie gut sich die Schüler Vokabeln und Aussprache merken
können – besser als im Englischen. Auch wenn sie möglicherweise nie wieder ihre
Deutschkenntnisse brauchen werden, bin ich froh, ihnen ein Teil meiner Kultur
weiterzugeben und endlich ein richtiges eigenes Projekt zu haben.

In den English Corners und im
Unterricht lege ich großen Wert darauf, dass die Schüler versuchen,
selbstständig und kreativ zu arbeiten, da sie das in der Schule sonst nicht
wirklich lernen. Zu diesem Zweck habe ich in zwei meiner 7. Klassen eine
Plakataktion gestartet, bei dem die Schüler in kleinen Gruppen Plakate zu
verschiedenen Tieren auf Englisch erstellen sollten. Ich habe Steckbriefe zu
den Tieren und Bilder ausgeteilt, sowie Papier, Scheren und Klebestifte zur
Verfügung gestellt. Zwei Stunden lang haben die Schüler an ihren Plakaten
gearbeitet und die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Während
einige Gruppen nur den Steckbrief und das Bild aufgeklebt und das Plakat
angemalt haben, haben andere Gruppen ganze Texte zu den Tieren geschrieben und ihre
eigenen Kommentare hinzugefügt. Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr
zufrieden und ich glaube, die Schüler hatten auch Spaß daran, mal etwas anderes
im Unterricht zu machen.


Mitte Juni hatten wir ein Meeting mit allen
Freiwilligen in Pu’er bezüglich der Summerschool, welche im August stattfinden
wird. Wir haben den Ablauf besprochen, Regeln festgelegt und Aufgaben verteilt.
Ich werde Klassenlehrerin für die 2. und 3. Klassen sein und ein Bastelprojekt
leiten. Ich bin sehr gespannt, wie die Sumerschool wird.

Ich habe es diesen Monat leider nicht geschafft,
nochmal zum Querflötenunterricht zu gehen, da ich nicht in Jinggu war. Dafür
hab ich aber ein neues Hobby gefunden, welches ich mir seit Anfang des
Freiwilligendienstes gewünscht habe: Kung Fu. Ich habe eines Abends beobachtet,
wie zwei Sportlehrer auf dem Sportplatz mit Stock und Schwert trainiert haben und
habe gefragt, ob ich mitmachen kann. Sie haben mich sofort aufgenommen und mir
zwei Choreografien mit den beiden Waffen beigebracht. Das Gute an Sport ist,
dass man dafür keine Sprache braucht. Ich versuche trotzdem, so viel wie
möglich mit den Lehrern auf Chinesisch zu reden und das funktioniert wirklich
gut. Ich hatte bisher dreimal Kung Fu Training und kann die Choreos inzwischen
fast fehlerfrei vorführen. Das Training macht mir sehr viel Spaß und ich lerne
neben Kung Fu auch Chinesisch und die chinesische Kultur besser kennen. Die
letzte Woche ist das Training leider immer ausgefallen, da die 9. Klassen ihre
Abschlussprüfungen geschrieben haben und deswegen fünf Tage lang Ferien waren,
außerdem hat es jeden Abend geregnet. Zu allem Übel habe ich mir auch noch eine
Erkältung eingefangen.

Ich hatte vor langer Zeit mal
geschrieben, dass es schwierig für mich ist, hier in China wirklich Freunde zu
finden. Ich habe inzwischen zwar viele neue Leute kennengelernt, mit denen ich
mich auch gut verstehe, aber ich die meisten Leute sind nur an mir
interessiert, weil ich Ausländerin bin. Daher würde ich nur eine Person als
wirkliche Freundin bezeichnen. Sie ist die Tochter eines Englischlehrers von
unserer Schule und spricht sehr gut Englisch. Sie ist in Pu’er zur Schule
gegangen, weshalb ich sie nur selten treffen konnte, aber Anfang Juni hat sie
ihr Gaokao (vergleichbar mit dem Abitur) gemacht und ist jetzt wieder in
Yongping. Seitdem treffen wir uns oft und reden über alles Mögliche, von
kulturellen Unterschieden zwischen Deutschland und China, über typische
Mädchenthemen bis hin zu Politik. Sie kommt manchmal mit zu meinem Unterricht und
wir wollen Mitte Juli zusammen verreisen.
Ich bin sehr glücklich, sie
als Freundin zu haben und hoffe, dass wir noch viele Jahre in Kontakt bleiben
werden.