Die Frage
nach dem „Warum?“ ist ein ständiger Begleiter des Freiwilligendienstes. Vor dem
Freiwilligendienst habe ich mir viele Fragen gestellt. Die wichtigste: Warum
will ich einen Freiwilligendienst machen? Dafür hatte ich viele Gründe. Einer davon
ist, dass ich eine mir fremde Kultur kennen- und verstehen lernen wollte. Wie wichtig
das ist, habe ich aber erst während meines Freiwilligendienstes herausgefunden.

Noch nie war
es so wichtig für uns, andere Kulturen kennen- und verstehen zu lernen, wie in der
heutigen globalisierten Welt, in der wir Tag für Tag mit Menschen aus anderen
Kulturen zu tun haben. Für eine gute Zusammenarbeit ist es wichtig, sich
aufeinander verlassen zu können und wie können wir das, wenn wir nicht
verstehen, wie unser Gegenüber denkt und handelt. Denn dass es einen großen kulturellen
Einfluss auf das Denken und Handeln gibt, merke ich hier in China täglich. Ständig
bin ich in einer Situation, in der ich verständnislos dastehe und mich frage:
„Warum handelt mein Gegenüber gerade so, wie er es tut?“ Doch diese Situationen
werden seltener, je mehr ich mich mit der Denkweise der Chinesen
auseinandersetze und diese hinterfrage. Warum bietet mir der Lehrer bei über 30
Grad Celsius einen Becher mit heißem Wasser an? Das Trinken von heißem Wasser
ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass in Ländern, in denen das Leitungswasser
kein Trinkwasser ist, dieses erst abgekocht werden muss. Und dann trinkt man
doch einfach das heiße Wasser anstatt zu warten, bis es abgekühlt ist. Eine
andere Frage, die sich bestimmt jeder stellt, der in China an einer Schule
unterrichtet: „Warum haben die Schüler in China bis spät abends Unterricht,
obwohl sie doch auch nur 10 Stunden am Tag haben?“ Wenn man sich einen
chinesischen Stundenplan anschaut, fällt auf, dass es viel längere Pausen gibt,
besonders für Mittag- und Abendessen. Denn mittags ist eine Pause für
Mittagsschlaf eingeplant. Dieser spielt im Tagesablauf eine wichtige Rolle und
dient der Entschleunigung des Alltags – ähnlich dem freien Sonntag in
Deutschland.

Handlungen,
Denk- und Sichtweisen zu hinterfragen, ist eines der wichtigsten Dinge, die ich
hier in China gelernt habe – sowohl die der Menschen um mich herum, als auch
meine eigenen. Nicht alle Sichtweisen sind richtig, aber wenn ich verstehe, was
die Gründe sind, kann ich diese gegeneinander abwägen und mir eine fundierte
Meinung bilden. Denn eine Meinung, die auf Vorurteilen beruht, wird nicht zur Lösung
von Konflikten beitragen, sondern diese nur verstärken.

„Die gefährlichste aller
Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht
angeschaut haben.“ – Alexander von Humboldt