Die
English Corners laufen nun schon zwei Monate und in den meisten Gruppen hat
sich inzwischen eine recht konstante Schüler- bzw. Lehrerzahl eingependelt. Trotzdem
läuft die English Corner nur selten wie geplant und ich muss immer wieder mit
Überraschungen rechnen. So hatten die Schüler diesen Monat oft Klausuren um 18
Uhr, wenn eigentlich die English Corner stattfindet und es passierte nicht
selten, dass ich um 18 Uhr vor dem Unterrichtsgebäude stand und meine Schüler
an mir vorbeilaufen sah, als sie zum großen Hörsaal rannten, in welchem die
Klausuren geschrieben werden. Umso erstaunter war ich, als, nachdem zwei Wochen
lang gar keine Oberstufenschüler gekommen sind, in der nächsten Woche plötzlich
20 Schüler auf mich warteten, die zur English Corner wollten. Zum Glück hat
mich meine Zeit in China zum Meister im Improvisieren gemacht und solche
Situationen sind für mich kein Problem mehr.

Insgesamt läuft mein
Unterricht gut und ich hatte auch diesen Monat wieder viele lustige und
wirklich gute Stunden, auch wenn ich manchmal nur den Kopf schütteln kann, wenn
mir z.B. ein Schüler auf die Frage, wo denn die USA liege, mit „Europe!“
antwortet…

Ob Klausuren
oder Feste (diesen Monat war das Drachenbootfest), andauernd fällt mein
Unterricht aus und ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich mal alle meine 9
Stunden pro Woche habe, was im Vergleich zu den 18 Stunden im letzten Halbjahr immer
noch sehr wenig ist. Ich habe also nicht besonders viel zu tun, was mich oft
etwas unglücklich macht, da ich nicht ganz weiß, was ich mit der vielen freien
Zeit angefangen soll. So verbringe ich wieder viel Zeit in meinem Zimmer, was
auch dem heißen Wetter geschuldet ist, da man mittags und nachmittags kaum das
Haus verlassen kann. Um die Zeit trotzdem sinnvoll zu nutzen, lerne ich oft
Chinesisch oder treffe Vorbereitungen für die Zeit nach dem Freiwilligendienst,
die langsam aber sicher immer näher rückt. Meine Bewerbung für ein Studium an
der Uni Lübeck habe ich schon abgeschlossen und ich bin dabei, mein Wissen in
Mathe und Chemie wieder aufzufrischen, da ich nach einem Jahr Pause erstaunlich
viel vergessen habe…

Auch
wenn ich das Gefühl habe, nicht besonders viel zu tun, zeigt mir ein Blick in
mein Tagebuch, wie viel ich doch diesen Monat wieder erlebt habe. Ich habe eine
Woche lang alleine in unserer Wohnung gelebt, als Leoline in Zhenyuan
unterrichtet hat, und ihren Unterricht mit übernommen. Ich habe sechs Stunden
in der 12. Klasse unterrichtet, die kurz vor ihrem Abschluss steht, als unser
Linkteacher mehrere Fußballspiele in Jinggu hatte und deswegen keine Zeit,
seine Klassen zu unterrichten. Ich habe bei einigen der besagten Fußballspiele
zugeguckt und die Lehrermannschaft unserer Schule angefeuert. Ich war bei einem
wunderschönen Fest in der Behindertenschule in Jinggu, bei welchem die Schüler
Tänze, Gesänge und andere Dinge aufgeführt haben. Ich war zum ersten Mal seit
fast einem Jahr wieder schwimmen im Schwimmbad in Jinggu.

Und was mich
am glücklichsten macht: Ich habe angefangen, chinesische Querflöte spielen zu
lernen. Ich bin öfters, wenn ich am Wochenende in Jinggu war, bei Franzi
mitgekommen, als sie zum Geigenunterricht gegangen ist und habe dort einen
Freund des Geigenlehrers kennengelernt, einen älteren Mann, der chinesische
Querflöte spielt. Ich war beigeistert von dem Instrument, da ich in meiner
Kindheit auch schonmal Querflöte gespielt hatte, und habe nachgefragt, ob er
mir beibringen kann, chinesische Querflöte zu spielen, die sich durch Klang und
Aussehen von der „westlichen“ Querflöte unterscheidet. Er hat sich gefreut,
mich zu unterrichten (auch wenn wir durch Sprache kaum kommunizieren können)
und hat mir sogar eine Querflöte zur Verfügung gestellt, die ich mit nach
Yongping nehmen kann, um unter der Woche zu üben. Ich hatte bisher zweimal
Unterricht bei ihm und kann schon ein paar einfache Lieder spielen. Ich finde
es eine sehr schöne Möglichkeit, durch die Musik die chinesische Kultur näher
kennenzulernen.