In den Winterferien war ich vier Tage lang in Liuku, einer
Stadt im Nujiang Tal an der Grenze zu Myanmar. Dieses Tal ist benannt nach dem
Fluss Nujiang, was übersetzt „Wütender Fluss“ bedeutet. Seit Beginn des
Baumhaus-Projektes waren jährlich Freiwillige in Liuku, dieses Jahr zum ersten
Mal nicht. Die Stadt ist wunderschön und erstreckt sich über beide Ufer des
Flusses, welcher zu dieser Jahreszeit still und türkis ist, aber im Sommer
seinem Namen gerecht wird und durch das Tal wütet. Abgesehen von dem Nujiang
hat Liuku vieles anderes zu bieten, wie zum Beispiel heiße Quellen und eine
Pagode, von der aus man über die ganze Stadt schauen kann. Außerdem gehören
viele der Einwohner Liukus der Lisu Minderheit an, deren Schrift man über
vielen Geschäften in der Stadt sehen kann. Wenn man aber hinter die Kulissen
schaut, entdeckt man eine unangenehme Wahrheit.

Am Stadtrand leben Familien in selbstgebauten Hütten, deren
Geld nicht ausreicht, um ihre oft zahlreichen Kinder zur Schule zu schicken.
Die Kinder müssen ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien durch das
Sammeln von Müll bestreiten. Die Familien sind aus ihrer Heimatprovinz geflohen
und gehören der Lisu Minderheit an, weshalb sie kaum oder gar kein Chinesisch
sprechen und aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind. Zudem haben viele der
Kinder kein Hukou, sind also nicht im Familienregister registriert und
existieren dadurch nicht legal. Der einzige Weg aus dem Slum ist Bildung,
welche die Familien aber nicht finanzieren können.

Deshalb haben Baumhaus-Freiwillige der 4. Generation
(2011/12) das Slumkidsprojekt ins Leben gerufen. Dies ist ein
Patenschaftsprogramm, das einigen der Kinder aus den Slums den Besuch einer
Grundschule ermöglicht. Bisher wurden so schon 57 Kinder eingeschult, der
älteste von ihnen besucht dieses Jahr die sechste Klasse. Die Freiwilligen
besuchen die Familien regelmäßig und erkundigen sich, ob es Fragen oder
Probleme gibt. Um den Kindern den Schulalltag zu erleichtern, wird jedes Jahr
im Sommer eine Summerschool von den Freiwilligen durchgeführt. Diese dauert
drei bis vier Wochen und gibt den Kindern die Möglichkeit, Stoff aus dem
vergangenen Schuljahr zu wiederholen und ihr Chinesisch zu verbessern, denn wie
bereits gesagt, sprechen sie kaum Chinesisch, sondern die Sprache der Lisu
Minderheit. Durch das Einbinden von chinesischen Freiwilligen können die Kinder
in kleinen Klassen unterrichtet werden, wodurch individuell auf ihre Probleme
eingegangen werden kann. Weiterhin üben die Freiwilligen mit den Kindern
einfache Hygienemaßnahmen wie Zähneputzen und Händewaschen, die im normalen
Alltag oft untergehen.


Obwohl dieses Jahr keine Freiwilligen mehr in Liuku
unterrichten, planen wir diesen Sommer wieder eine Summerschool. Darauf freue
ich mich schon sehr. Ich durfte die Kinder aber schon vorher kennenlernen, als
ich mit fünf meiner Mitfreiwilligen Anfang Februar nach Liuku gefahren bin. Wir
haben alle Slums besucht und uns nach dem Wohlergehen der Kinder und ihrer
Familien erkundigt, gefragt, wie die Schule läuft und ob sie Probleme haben.
Außerdem haben wir ihnen versichert, dass wir die Schulgebühren für das
kommende Halbjahr rechtzeitig bezahlen werden. Durch alle sechs Slums zu gehen,
hat zwei Tage gedauert. Sie liegen am Rand der Stadt, hinter Gebäuden versteckt
und nicht selten muss man erst einen Berg hinaufsteigen, bevor man sie
erreicht. Die Slums sind nicht groß, wie man sich das vielleicht vorstellt. Manchmal
sind mehrere Hütten auf einem Platz versammelt, manchmal ist es aber nur eine
einzelne. Die Hütten sind selbstgebaut aus Holz, Plastik, Blech und ähnlichem
Material. Teilweise haben die Familien Tiere, wie Hühner, Schweine oder Hunde. Von
innen sehen die Hütten auch nicht weniger improvisiert aus. Der Boden ist aus
Lehm oder Holzbrettern. Oft gibt es nur ein großes Bett, in dem bis zu sechs
Personen schlafen. Bei allen Familien wurden wir herzlich in Empfang genommen
und haben eine Tasse Tee oder Saft bekommen. Man hat gesehen, dass sie sich
sehr gefreut haben, dass wir da sind. Die Kinder sind alle sehr süß und nett,
manchmal etwas schüchtern und aufgeregt, uns zu sehen. Die meisten haben uns am
Ende noch hinausbegleitet oder uns zu der nächsten Familie gebracht. Die Familien
aus den verschiedenen Slums kennen sich untereinander, da sie sich jeden
Sonntag in der Kirche sehen – die Lisu sind nämlich Christen. Da die meisten
Eltern kaum Chinesisch sprechen, die Kinder ein bisschen mehr, da sie es in der
Schule lernen und unser Chinesisch auch noch nicht so ausgereift ist, war die Kommunikation
sehr schwierig. Trotzdem haben wir erfahren, dass die Kinder sich gut in der Schule schlagen und soweit keine Fragen oder Probleme
haben.


Dass diese Kinder durch das Slumkidsprojekt die Möglichkeit
haben, zur Schule zu gehen und damit die Aussicht auf eine bessere Zukunft für
sie und ihre Familien haben, ist wirklich großartig. Damit dies aber auch in
Zukunft möglich ist, brauchen die Kinder Paten in Deutschland, die ihre
Schulgebühren, Schuluniform, Essensgebühren und Unterrichtsutensilien
finanzieren. Dies ist mit einem Beitrag von 100 Euro im Jahr möglich.

Zurzeit sind noch 9 Kinder auf einen Paten angewiesen. Dies
kann entweder eine Privatperson oder eine Institution sein. Wenn du selbst an
einer Patenschaft interessiert bist, weitere Fragen hast oder jemanden kennst,
der gerne ein Kind unterstützen würde, schreib einfach eine Mail an slumkids@baumhaus-projekt.de oder
gib diese Adresse weiter. Ich möchte dir wirklich ans Herz legen, darüber
nachzudenken, denn dieses Projekt verändert Leben. Jeder Pate bekommt einmal im
Jahr nach der Summerschool einen Bericht über das Kind, das er unterstützt.
Außerdem werde ich selbst bei der Summerschool dabei sein und mit den Kindern
Zeit verbringen – und natürlich davon berichten.

Weitere Informationen zum Projekt findest du auf www.baumhaus-projekt.de.