Inzwischen habe ich schon ein Drittel des Freiwilligendienstes hinter mir. Der Dezember war ein Monat, in dem viel passiert ist. Das hatte allerdings auch zur Folge, dass er recht stressig war. Dazu kamen noch die Adventszeit, Weihnachten und Silvester, welche ich weit weg von Zuhause ohne meine Familie verbracht habe.
Anfang Dezember stand endlich das Datum für den Englischwettbewerb fest. Dieser sollte am Donnerstag und Freitag den 15. und 16. Dezember an der Yizhong in Jinggu stattfinden. Die ersten beiden Wochen verbrachten wir also damit, eineinhalb Stunden täglich mit den teilnehmenden Schülern unserer Schule die Rollenspiele einzuüben. Ich hatte viel Spaß daran, obwohl es manchmal etwas anstrengend war. Besonders die letzten Tage vor dem Wettbewerb waren sehr stressig, da wir uns auch noch die Reden der Lehrer angehört haben sowie eine Präsentation über uns selbst erstellen sollten. Und das zusätzlich zu unserem Unterricht. Am Donnerstag sind wir dann in zwei Bussen nach Jinggu gefahren. Dort angekommen gab es ein Meeting und wir haben den Ablauf des Abends besprochen sowie die Texte für die Moderation geübt. Um 19 Uhr begann der Wettbewerb, der unter dem Namen „Attentiveness+Blossoms Jinggu County Excellent English Talent Show“ lief. Schüler von 11 verschiedenen Schulen aus der Region Jinggu haben kleine Rollenspiele, wie beispielsweise Schneewittchen oder Cinderella, aufgeführt und die Jury hat ihre Leistungen bewertet. Zum Abschluss gab es noch eine Tanz- sowie Musikeinlage und dann war der erste Tag vorbei. Am zweiten Abend des Wettbewerbs hielten Englischlehrer von verschiedenen Schulen überzeugende Reden zu Themen wie Umweltschutz, der Wichtigkeit des Englischlernens oder Unterschieden zwischen Schulen in China und Großbritannien. Obwohl die Darstellungen interessant waren und ich Spaß an der Moderation hatte, war ich erleichtert, als der Wettbewerb und der damit verbundene Stress endlich vorbei waren. Die Mühe hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, denn es war ein voller Erfolg. Das Ziel dieses Wettbewerbs war in erster Linie, Schülern und Lehrern Englisch in einer anderen Weise näherzubringen und damit das Interesse für diese Weltsprache zu steigern. Dieses wurde meiner Meinung nach erfüllt.

Ich hatte diesen Monat noch weniger Unterricht als im November, da die Abschlussexamen immer näher rücken und die Lehrer ihre Stunden brauchen. Wenn ich nicht gerade mit Geschenke kaufen oder anderen Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt war, habe ich die freie Zeit genutzt, um mal etwas Sport zu treiben. Große Freude habe ich am Tischtennisspielen gefunden und selbst Basketball, was ich nie zu meinen Lieblingssportarten gezählt habe, macht mir inzwischen wirklich Spaß, auch wenn ich nur selten den Korb treffe.

Anfang Dezember dachte ich, dieses Weihnachten wird ganz anders als ich es gewohnt bin. Nicht nur, dass ich weit weg von zuhause und meiner Familie bin, es waren 25 Grad Celsius und Sonnenschein, die Bäume waren grün, im Supermarkt gab es nirgends Weihnachtssachen zu kaufen und nirgends hörte man Weihnachtslieder. Die Stimmung, die in Deutschland in der Vorweihnachtszeit herrscht, fehlte hier. Das war ziemlich merkwürdig, aber was hatte ich anderes erwartet?
Letztendlich war Weihnachten in China doch gar nicht so anders als in Deutschland. Weihnachtslieder hören kann man hier schließlich auch und einen Adventskalender hatten wir ebenfalls. Denn um etwas weihnachtliche Vorfreude in unser kleines Heim zu bringen, haben wir von der Jinggu Erzhong und die beiden von der Jinggu Yizhong uns gegenseitig einen Adventskalender gebastelt. Süßigkeiten, Schreibwaren und sogar einen Mini-Plastik-Tannenbaum im 24. Türchen haben wir improvisatorisch in bunte Plastiktüten und mit Kartoffeldruck selbstbedrucktes Papier eingepackt, da in unserer kleinen Stadt weit und breit kein Geschenkpapier zu finden ist. Da wir auch kein Geschenkband haben und um noch mehr Plastiktüten zu recyceln, denn davon haben wir wirklich mehr als genug, haben wir diese in Streifen geschnitten und so die einzelnen Päckchen zusammengebunden. Über diesen kreativen Kalender haben sich unsere Freunde sehr gefreut und mit dem Kalender, den wir bekommen haben, war der Advent fast wie zuhause.


Außerdem haben wir es geschafft, endlich mal die beiden Freiwilligen in Zhenyuan zu besuchen. Die sechs Stunden Hinfahrt über unbefestigte, gerade erst im Bau befindliche Straße waren zwar die Hölle, aber es hat sich gelohnt. Zu sechst haben wir ein wunderschönes Wochenende in unserer kleinen Nordengruppe verbracht. Und auch hier war die Weihnachtsstimmung nicht zu übersehen. Gemeinsames Orangenpflücken und den ganzen Tag lang Sterne basteln, während wir zu Weihnachtsliedern mitgesungen haben, war definitiv ein guter Ersatz für gemeinsames Backen, was aufgrund des fehlenden Ofens leider nicht möglich war. Ganz auf Plätzchen verzichten musste ich aber auch nicht, da mir meine Eltern ein Paket mit selbst gebackenen Plätzchen, Schokoladennikolaus und anderen Köstlichkeiten geschickt haben.

Dass das Wetter eher dem Hochsommer in Norddeutschland entsprach, war schön. Sonnenschein ist mir doch deutlich lieber als verregnete, kalte Weihnachten und weiße Weihnachten gab es zuhause schon lange nicht mehr.
Heiligabend haben wir in Pu’er gefeiert, da wir aufgrund unseres Visums dorthin mussten. Es war schön, alle anderen Freiwilligen wiederzusehen. Ein besinnliches Weihnachtsfest war aber mit 19 Leuten nicht zu erwarten. Deshalb sind wir am Freitag Nachmittag schon nach Jinggu gefahren und haben dort zu viert in Weihnachten reingefeiert. Eine Möglichkeit, die ich vorher nie in Betracht gezogen hatte. Abends haben wir eine kleine Weihnachtsaktion durchgeführt, bei der wir durch die Klassen gegangen sind, Weihnachtslieder gesungen haben und jedem Schüler, der sich getraut hat, mitzusingen, einen kleinen Papierstern gegeben haben, welche wir vorher fleißig gebastelt hatten. Die Aktion war unglaublich schön und obwohl wir eigentlich den Schülern etwas geben wollten, haben wir am Ende mehr von den Schülern bekommen, seien es Äpfel, Süßigkeiten oder ein spontanes Konzert nur für uns. Anschließend haben wir zusammen gekocht. Ich hätte nie gedacht, dass Hähnchen, Kartoffelbrei und Blumenkohl so ein wunderbares Weihnachtsessen sein können. Um 00:00 Uhr gab es dann Bescherung. Wir haben den Mini-Tannenbaum auf die Geschenke gestellt, sodass sie unter dem Baum lagen. Die Weihnachtsstimmung, die mir vorher so gefehlt hatte, war deutlicher denn je zu spüren, als ich dort mit meinen Freunden zusammensaß bei „Stille Nacht“ und Lebkuchen. Und mir ist klargeworden, dass an Weihnachten weder Ort noch Zeit eine Rolle spielen, sondern dass es das Gefühl ist, das Beisammensein mit Menschen, die man liebt, welches Weihnachten wirklich ausmacht. Ich war zwar weit weg von meiner Familie, aber Heimweh hatte ich trotzdem nicht. Denn ich habe hier so gute neue Freunde gefunden, dass ich sie schon zu meiner Familie zähle.


Nach all den Ereignissen war da auch noch Leolines Geburtstag. Diesen haben wir erst hier in Yongping gefeiert und dann nochmal in Jinggu, zusammen mit Silvester. Wir haben zwar viel zu viel Kuchen gegessen, aber die selbstgemachten gebrannten Mandeln waren ein Highlight des Dezembers. Silvester war eher unspektakulär, es gab ein kurzes Feuerwerk und dann war es auch schon vorbei. Umso mehr freue ich mich auf das chinesische Neujahr, welches Ende Januar stattfinden wird.